Threads – Verflechtungen | Neue Sonderausstellung ab 8. Mai 2026 im smac - Staatliches Museum für Archäologie Chemnitz
07.05.2026, 13:15 Uhr — Erstveröffentlichung (aktuell)
THREADS – VERFLECHTUNGEN
Biografien jüdischer Familien aus Chemnitz
Sonderausstellung 08.05. – 26.07.2026 im smac
Pressebilder: https://www.smac.sachsen.de/presse.html
Am Freitag, 8. Mai 2026, eröffnet die Ausstellung »Threads – Verflechtungen« im smac – Staatliches Museum für Archäologie Chemnitz. Die Ausstellung zeigt die Netzwerke und Lebenswege von 25 ehemals in Chemnitz beheimateten jüdischen Familien. Sie setzt ihre Biografien zueinander in Beziehung und entdeckt ihre verlorenen Geschichten neu.
Sie ist eine von vier korrespondierenden Ausstellungen, die im Rahmen von TACHELES 2026 – Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen – in Chemnitz präsentiert werden.
Im Zentrum der Ausstellung im smac steht das Ehepaar Karl und Irmi Goeritz. Sie besaßen eine Trikotagenfabrik in Chemnitz und bildeten mit anderen jüdischen Unternehmerfamilien ein starkes wirtschaftliches, soziales und kulturelles Netzwerk.
Ihre Geschichte und ihr Schicksal sowie das von 24 weiteren, exemplarisch ausgewählten jüdischen Familien aus Chemnitz zeichnet die Ausstellung nach. Sie verdeutlicht, wie nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 mehr und mehr Fäden des einstigen Netzwerks rissen, Knotenpunkte sich lösten, wie es Löcher bekam und bald nur noch eine schwache Erinnerung war.
Die Nachkommen dieser Familien stellten der Ausstellung Fotos und persönliche Gegenstände zur Verfügung. Die Objekte zeugen vom einstigen Familienglück, der starken Verbundenheit zur Stadt Chemnitz und von dem tiefen Schmerz, der bis in die nächsten Generationen hineinwirkt.
Dr. Christina Michel, Kuratorin am smac:
»Der besondere Reiz bei der Entstehung der Ausstellung bestand in dem persönlichen Kontakt zu den jüdischen Familien, die von Neuseeland bis Argentinien und von Israel bis Großbritannien in der ganzen Welt verstreut sind. Inzwischen handelt es sich vor allem um die erste und zweite Generation ihrer Nachkommen. In Videokonferenzen, unzähligen E-Mails und Telefonaten lernten nicht nur wir Kuratoren diese Menschen kennen, auch untereinander stabilisierte sich wieder das einstige Netzwerk, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts unter den jüdischen Familien in Chemnitz bestand.«
Die Ausstellung im Detail
Prolog
Ein Stadtplan von Chemnitz aus dem Jahr 1930, der die Wohn- und Wirkungsorte jüdischer Familien verortet, führt die Besuchenden in die Ausstellung ein. An der dahinterliegenden Wand bilden Verbindungslinien zwischen den 25 Familiennamen das Netzwerk auf privater und geschäftlicher Ebene ab.
Der Ausgangspunkt: Die Biografie von Karl und Irmi Goeritz
Ende 1926 vermählen sich Karl Goeritz und Irmgard Frank. Karl ist der jüngste Sohn von Sigmund Goeritz, dessen Unternehmen »Venus-Werke« an der Zwickauer Straße in Chemnitz Bademoden und andere Trikotagen herstellt.
Karl und Irmi teilen die Leidenschaft für die Kunst. 1930 schaffen sie sich ein Heim in der Hoffmannstraße 52. Sie beauftragen den vielseitigen Künstler Victor Lurje mit Entwurf und Umsetzung eines Großteils ihres Mobiliars. Lurjes Intarsienarbeiten prägen die Atmosphäre der Räume und schaffen die Bühne für die exquisite Gemälde-, Grafik- und Kunstgewerbe-Sammlung des Paares. Die zwölf angefertigten Fotografien des Interieurs gewähren Einblicke ins Innere der »vier Wände« von Irmi und Karl Goeritz.
Das junge Glück wird von der Geburt des Sohnes Frank Stefan im Februar 1932 gekrönt. Ende 1937 entscheiden sie sich für die Flucht nach Holland. Im Februar 1938 kommt dort Tochter Irene Beatrice zur Welt.
Die drohende Okkupation durch Nazideutschland zwingt sie zur Weiterreise. Am Abend des 17. November 1939 verlässt die Familie Europa an Bord der SS Simon Bolivar. Unter den 265 Passagieren befinden sich weitere jüdische Familien aus Chemnitz. Nur wenige Stunden später sterben Karl Goeritz und die beiden Kinder, nachdem das Schiff auf zwei deutsche Minen gelaufen ist.
Irmi Goeritz wird gerettet und nach London gebracht. Später emigriert sie in die USA, wo sie zwei weitere Male heiratet und zwei Töchter bekommt. Eine der Töchter, Veronica Selver, produziert im Jahr 2020 den Dokumentarfilm »Irmi« über ihre Mutter, in dem sie deren bewegende Lebensgeschichte erzählt.
Eine von 25 Biografien: Familie Benda
Der Wollwarenfabrikant Hugo Benda lebt mit seiner Frau Marie und Tochter Ilse ein gutes Leben in Chemnitz - bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten. 1933 wird er verhaftet, sein Unternehmen 1934 zwangsverkauft. Nach einer verweigerten Strahlenbehandlung stirbt er 1936 an Krebs.
Marie und Ilse Benda versuchen 1939 die Flucht nach Belgien. Während die Mutter über die Grenze kommt, stürzt die elfjährige Tochter in eine Falle und wird monatelang inhaftiert. Erst Anfang 1940 wird ihr die Ausreise zu ihrer Mutter gestattet. Im besetzten Brüssel überleben beide in der Illegalität. Den ausgestellten Überseekoffer hatte Marie Benda bei ihrer Flucht nach Belgien mitgenommen. Darin schleppte sie mit, was an Wertgegenständen aus der Wohnung auf dem Chemnitzer Kaßberg übrig war. Wie es ihr gelang, den Koffer von Chemnitz außer Landes zu schaffen, bleibt ein Rätsel.
Nach dem Krieg gründet Tochter Ilse in Deutschland mit Walter Rau eine Familie, aus der neun Kinder hervorgehen. Mutter Marie Benda folgt ihr 1950, wird jedoch nicht mehr wirklich heimisch. 1960 stirbt sie an Krebs. Von den 25 in der Ausstellung vorgestellten Familien ist Marie Benda die Einzige, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland zurückkehrte.
Eine von 25 Biografien: Familie Solomonica
Der rumänische Kaufmann Jüsony Solomonica lässt sich im Juni 1890 in Chemnitz nieder. Er heiratet in die Chemnitzer Fabrikantenfamilie Seidler ein und etabliert sich mit einer Strumpfwaren-Agentur. Die beiden Töchter, Ilse und Erna Solomonica, werden 1903 und 1905 geboren.
Erna liiert sich mit Arthur Durlacher in Baden-Baden, der als Vertreter für die Chemnitzer Marke »Venus« – das Unternehmen der Familie Goeritz – tätig ist. Seine heimliche Leidenschaft gilt aber der Musik. Im Juli 1928 wird der Sohn Gerhard in Baden-Baden geboren. 1937 emigriert die Familie in die Niederlande, wo sie Anfang Oktober 1942 bei einer Razzia verhaftet und nach Westerbork verschleppt wird. Im Januar 1944 folgt der Weitertransport nach Theresienstadt und Auschwitz. Dort werden sie getrennt. Erna und Arthur sterben in den Lagern. Nur ihr Sohn Gerhard überlebt.
Enkelin von Erna Solomonica ist die niederländische Schriftstellerin Jessica Durlacher. In Deutschland kennt man zwar eher die Bücher ihres Ehemanns Leon de Winter, doch die Romane von Jessica Durlacher sind in ihrer Heimat sehr erfolgreich. Hierin thematisiert sie oft das Leben von Familien, in denen die Eltern den Holocaust überlebt haben, und wie diese Erfahrung sie und ihre Kinder traumatisiert und prägt.
Weitere Biografien
Jede der insgesamt 25 vorgestellten Biografien ist einzigartig und geprägt von Verlust. Verlust des eigenen Lebens, Verlust der Familie, Verlust von Staatsbürgerschaft, Beruf, Unternehmen, Wohnung, Vermögung und Wertgegenständen. Und der Verlust von Hoffnung, Träumen, Lebensentwürfen und Zukunft.
Ausblick
Die Ausstellung endet mit Fotografien eines Besuchs von Irmi Selver, ehemals Irmi Goeritz, geborene Frank, im Jahr 1984 in der Stadt Chemnitz.
Von 1994 bis 2002 lud die Stadt Chemnitz ehemalige jüdische Bürgerinnen und Bürger der Stadt zu jährlichen Begegnungstreffen ein. Mit neuerlichen Begegnungen der zweiten und dritten Generation dieser Familien wird diese Tradition seit Mai 2024 wieder aufgegriffen.
Ausstellungsgestaltung
Vom Einführungsbereich aus, in dem die 25 Familien geografisch, sozial und beruflich zueinander und in der Stadt Chemnitz verortet werden, betreten die Besuchenden das zentrale Element der Ausstellung: die »Wohnung« von Karl und Irmi Goeritz in der Hoffmannstraße in Chemnitz. Stellwände zeigen großformatige Innenaufnahmen der Wohnzimmereinrichtung und sind lose zu einem Raum-im-Raum gestellt, mittig präsentiert ein Tisch einen Teil jener Objekte, die auf den Innenaufnahmen als Liebhaberstücke und Deko-Elemente identifizierbar sind. In Texten und Fotos wird hier das Schicksal der Familie Goeritz dargestellt.
Durch die offenen Raumecken gelangen die Besuchenden zu Modulen, an denen die Biografien der 24 anderen jüdischen Familien skizziert und Leihgaben der Nachkommen präsentiert werden. Einige Pfeiler zeigen zudem Orte in Chemnitz, die zum gesellschaftlichen Leben dazugehörten, wie der jüdische Friedhof, die Synagoge und das Kaufhaus Tietz.
Die Module wirken roh und provisorisch, sie bestehen aus Holzfaserplatten, die von Aluminiumprofilen gehalten werden. Der Werkstatt-Charakter verdeutlicht die Unvollständigkeit des Wissens über die Schicksale vieler jüdischer Menschen, die fragmentarischen Biografien, er zeigt die Ausstellung als Work-in-Progress.
Eine durchgehende schwarze Wand begrenzt die Ausstellungsfläche. Auf ihr stehen in großen Lettern die Orte des Grauens, an denen ein Großteil der Chemnitzer Jüdinnen und Juden verschleppt und ermordet wurde.
4 Orte – 4 Ausstellungen
Dr. Sabine Wolfram, Direktorin des smac – Staatliches Museum für Archäologie Chemnitz:
»Vier Chemnitzer Museen haben sich zusammengetan, um im Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen 2026 Ausstellungen auf die Beine zu stellen, die verschiedene Aspekte des einst florierenden jüdischen Lebens in Chemnitz darzustellen. Jede Einrichtung zeigt einen Aspekt, der der thematischen Ausrichtung des Hauses entspricht. Schon dieser Punkt zeigt, dass jüdisches Leben vor 100 Jahren integrierter und wichtiger Bestandteil der Gesellschaft war. Jüdinnen und Juden hinterließen signifikante Spuren in allen Bereichen: Industrie, Kunst, Mobilität und Gesellschaft. Nach ‚John Cage: Museumscircle‘ ist es das zweite gemeinsame Projekt, das dem neu gegründeten Chemnitzer Museumsverbundes aksa e.V. entsprungen ist.«
Museum für sächsische Fahrzeuge Chemnitz
Threads: Mobile Erinnerungen – Eine jüdische Familie blickt zurück
08.05. – 30.08.2026
Lachende Gesichter, fröhliche Ausfahrten und die Begeisterung für Autos und Motorräder – sieht man sich die Fotos von Familie Ascher aus den 1920er und 30er Jahren an, kann man die Lebensfreude spüren.
Doch in nur wenigen Jahren änderte sich alles für die jüdische Familie, die einen florierenden Schuhladen auf dem Chemnitzer Marktplatz besaß.
Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten merkten auch sie die Repressionen. Und so wandeln sich auch die Motive der Bilder: stolze Fotos des Schuhladens bilden einen drastischen Gegensatz zu Aufnahmen von nationalsozialistischen Aufmärschen bis hin zum zerstörten Laden.
Das Museum für sächsische Fahrzeuge Chemnitz blickt hinein in das »Fotoalbum« der Familie, das die Nachfahren in Amerika aufbewahrt haben. Doch nicht nur die Fotos lassen die Erinnerungen an Familie Ascher wieder aufleben. Ausgestellt werden auch Fahrzeuge, die – innig geliebt – in Deutschland zurückbleiben mussten, als die Familie nach Amerika emigrierte.
Kunstsammlungen am Theaterplatz
Eine unvollendete Geschichte – Die Kunstsammlung von Lola und David Leder in Chemnitz
29.05. – 04.10.2026
Die Kunstsammlung von Lola und David Leder ist weitgehend verloren. Diese Lücke kann durch die Ausstellung in den Kunstsammlungen am Theaterplatz nicht geschlossen werden; sie nimmt jedoch die Spurensuche nach dem Netzwerk der jüdischen Sammler:innen auf und zeigt Werke von Künstler:innen wie Max Liebermann, Lucie Rochenberg, Oskar Kokoschka, Gustav Schaffer, Otto Theodor Wolfgang Stein und weiteren.
Zentral in der Ausstellung steht das Porträts von David Leder, das Gustav Schaffer 1920 in Chemnitz gemalt hat. Dabei werden die Geschichte des Werkes, das Schaffen des Künstlers, sowie die Nachinventarisierung des Gemäldes in Zeiten der DDR in den Kunstsammlungen Chemnitz beleuchtet. In Zusammenarbeit mit den Nachfahren der Familie Leder wird die Frage nach der Provenienz gestellt: Wem gehört das Bild?
Industriemuseum Chemnitz
Erfolgsspuren. Jüdische Unternehmer in Chemnitz
05.06.2026 – 22.08.2027
Die Kabinettausstellung widmet sich der prägenden Rolle jüdischer Unternehmer für die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt. Eindrucksvolle Exponate, biografische Porträts und interaktive Formate erzählen von Ankunft, Erfolg, Verfolgung und heutigen Spuren der jüdischen Unternehmer.
Originalobjekte, von Handschuhen über Bademoden und Werbegrafiken bis zu Maschinen, treffen auf persönliche Geschichten und digitale Zugänge. Eine interaktive Karte erschließt historische Firmenstandorte und lädt zu individuellen Stadtrundgängen auf den Spuren jüdischer Unternehmer ein.
»Erfolgsspuren« verbindet wirtschafts- und kulturhistorische Perspektiven und öffnet den Blick für ein oft übersehenes Kapitel der Stadtgeschichte – bewegend, informativ und hochaktuell.
Mit besten Grüßen,
Jutta Boehme
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit am smac
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