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17.01.2017, 14:00 Uhr

Das Erbe von Kyrill

Sachsenforst zieht zehn Jahre nach dem Orkantief „Kyrill“ Bilanz

Vor zehn Jahren, in der Nacht vom 18. zum 19. Januar 2007, zog das Orkantief Kyrill über Europa hinweg. Der Sturm forderte dutzende Menschenleben und hinterließ wirtschaftliche Schäden in Milliardenhöhe. Auch Sachsens Wälder wurden in dieser Nacht stark in Mitleidenschaft gezogen – die Folgen sind heute noch immer sichtbar.

Kyrill traf Sachsens Wälder an ihrem schwächsten Punkt. Im Hügel- und Bergland dominiert die risikobehaftete Baumart Fichte – auch wenn man seit Beginn der 1990’er Jahre verstärkt auf den Umbau der Wälder mit Buche oder Tanne setzte. Warme Temperaturen und anhaltender Regen hatten den Boden in den Tagen vor dem Orkantief aufgeweicht, das ohnehin flache Wurzelwerk vieler Fichten konnte den immensen Kräften vielerorts nicht standhalten. Die Schadensbilanz: Mehr als 1.300 Hektar Kahlflächen im Staatswald, über 1,8 Millionen Kubikmeter geworfenes, gebrochenes und zersplittertes Holz in allen Waldeigentumsarten – nahezu der gesamte durchschnittliche Jahreseinschlag im Freistaat lag in nur wenigen Stunden auf dem Waldboden.

Unmittelbar nach dem Sturm wurden die Schäden erfasst und mit der Aufarbeitung begonnen. Der Aufwand für die Schadensbeseitigung allein im Staatswald bezifferte sich auf rund 18 Millionen Euro. Doch was nüchtern klingt, war eine enorme Leistung. Mehr als 70 Forstunternehmen mit Spezialtechnik und über 700 Forstwirte von Sachsenforst, aber auch etliche private und körperschaftliche Waldbesitzer mussten die übereinander getürmten, unter Spannung stehenden Stämme vom Wurzelstock trennen, entasten und einschneiden. Die Aufarbeitung von Sturmholz war und ist für alle beteiligten Personen kreuzgefährlich und sollte nur durch Profis erfolgen. Um das Unfallrisiko zu minimieren führte Sachsenforst intensive Schulungen von Forstwirten und Waldbesitzern durch.

Sachsenforst lenkte seine Kapazitäten zunächst auf die Unterstützung der massiv betroffenen über 23.000 privaten und körperschaftlichen Waldbesitzer. Ende Mai 2007 waren hier bereits drei Viertel der gut 500.000 Kubikmeter Schadholz aufgearbeitet. Im Januar 2008 konnte Sachsenforst die Aufarbeitung des gesamten Sturmholzes im Freistaat vermelden.

Doch die Folgen Kyrills wirkten deutlich länger nach. Weil auch andere Regionen Deutschlands, insbesondere Nordrhein-Westfalen, immense Sturmholzmengen zu beklagen hatten, war der Holzmarkt schnell gesättigt. Zehntausende Kubikmeter Holz mussten monatelang zwischengelagert werden. Der für 2008 geplante Holzeinschlag im Staatswald wurde um mehr als ein Drittel gesenkt. Gleichzeitig wurde das Monitoring und die Bekämpfung der Borkenkäfer intensiviert. Dass Buchdrucker und Co. vom Sturmholz profitieren würden, war absehbar. Hier ging es um größtmögliche Schadensbegrenzung. In den fichtendominierten Landesteilen kam es 2008 aber zur stärksten Massenvermehrung des Buchdruckers seit 40 Jahren. Bis Ende März 2009 wurden sachsenweit 125.000 Kubikmeter Stehendbefall registriert. Das ist mehr als das zweieinhalbfache des Vorjahreswertes.

Bereits im Herbst 2007 wurde mit der Aufforstung der Sturmflächen begonnen. „Ein Mammutprogramm steht vor uns“, so Sachsenforst-Geschäftsführer Prof. Dr. Hubert Braun im Mai 2007. Heute sind die betroffenen Flächen wiederbewaldet. Insbesondere Buchen, Tannen, Lärchen und Eichen wurden gepflanzt. Die jährliche Waldumbaufläche im Staatswald stieg von rund 1.000 Hektar auf rund 1.400 Hektar im Jahr 2008 an, heute sind es durchschnittlich 1.200 bis 1.300 Hektar pro Jahr. Private- und körperschaftliche Waldbesitzer wurden bei der Sturmholzaufbereitung durch Sachsenforst und mit einem umfangreichen Fördermittelangebot des Freistaates Sachsen unterstützt.

Mancherorts war die natürliche Wiederbewaldung schneller, als die Hände der Forstwirte. Zurückgeblieben sind aber vielerorts angerissene Waldränder und instabile ältere Bestände. „Die Auswirkungen des globalen Klimawandels sind auch in Sachsen spürbar, schwere Stürme erreichen uns immer häufiger“, so Sven Martens, Waldbaureferent bei Sachsenforst. „Um das Risiko neuer „Kyrills“ zu reduzieren, müssen wir auch künftig aktiv einen Baumartenwechsel vorantreiben und gleichzeitig Risikovorräte, insbesondere in alten Fichtenbeständen, abbauen.“ Die Erkenntnisse der Forstwissenschaftler über die zahlreichen Risikofaktoren konnten in den letzten Jahren stetig erweitert und in die Praxis übertragen werden. „Schnelle Lösungen gibt es allerdings nicht – das Risiko von katastrophalen Stürmen heimgesucht zu werden, besteht auch künftig, dessen sind wir uns bewusst“, so Martens.

Kyrill markierte eine Zäsur im sächsischen Wald. Alle darauf folgenden Schadereignisse erreichten in ihrer aufsummierten Schadensbilanz nicht das Schadniveau dieses Einzelereignisses. Der Orkan änderte die Waldbilder in vielen Regionen radikal. Gleichzeitig gab Kyrill einen unübersehbaren Anstoß, das Generationenprojekt Waldumbau noch konsequenter voranzubringen.

Dass diese Vorgehensweise Wirkung zeigt, verdeutlichte die dritte Bundeswaldinventur im Jahr 2012. So nahmen in Sachsen mehrschichtige Bestände deutlich zu. Auf gut 20 Prozent der Waldfläche finden sich junge Bäume unter dem Altbestand – ein wertvolles Kapital im Ernstfall. Gleichzeitig machen Laubbäume und standortgerechte Nadelbäume wie die Weißtanne bereits gut zwei Drittel der aufgenommenen Waldverjüngung aus.

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