Milbradt: Neuer Campus wird der Universität Leipzig ein neues Gesicht geben
09.08.2004, 15:35 Uhr — Erstveröffentlichung (aktuell)
In wenigen Wochen beginnt in Leipzig die Neugestaltung und Sanierung des Universitäts-Campus am innerstädtischen Augustusplatz. Dabei sollen die Kapazitäten und Gebäudeflächen der Hochschule in insgesamt fünf Bauabschnitten erweitert und nach modernsten Gesichtspunkten ausgestaltet werden. Im vierten Bauabschnitt (Hauptgebäude mit großem Hörsaal und Aula) wird in den Formen an die vormalige Paulinerkirche erinnert, die dort bis zu ihrer Zerstörung im Jahre 1968 stand. Die Planungen und künftigen Nutzungen waren Gegenstand eines Pressegesprächs und Rundgangs mit Ministerpräsident Georg Milbradt und Uni-Rektor Prof. Franz Häuser.
Sachsens Regierungschef hob hervor, der Freistaat schaffe die Voraussetzungen, damit sich die Universität Leipzig auch künftig gut im internationalen Wettbewerb behaupten könne. „Die größte Baumaßnahme des Freistaats neben dem Dresdner Schloss ist deshalb eine echte Investition in die Zukunft unseres Landes – genau wie die 2,4 Milliarden Euro, die der Freistaat bisher in den Hochschulbau investiert hat, von denen allein etwa eine Milliarde in den Leipziger Hochschulbau gesteckt wurden.“ Der neue Campus gebe der Universität ein eigenes, unverwechselbares Gesicht, das der Zukunft zugewandt ist, dem aber auch die Erinnerung an die Vergangenheit eingeschrieben sei. Diese Synthese stehe für die großartige Geschichte wie auch für deren dunklen Momente. Milbradt: „Der Entwurf von Behet Bondzio Lin sieht ein modernes Ensemble vor, das für eine Hochschule steht, die wissenschaftlich immer auf der Höhe ihrer Zeit war. Das neue Hauptgebäude mit Aula von Erick van Eggeraat erinnert aber auch daran, dass Hochschulen wie auch die Gesellschaft als Ganzes sich solche Traditionen nur in Freiheit bewahren können, weil Unfreiheit und Ideologie selbst die großartigste Tradition zerstören können.“ Pünktlich zum 600. Geburtstag der Universität im Jahre 2009 werde die Universität ihren neuen, identitätsstiftenden Campus haben, so Milbradt weiter.
Mit der Neugestaltung und Sanierung des Gesamtareals entstehen auf rund 22.500 qm unter anderem eine hochmoderne Zentralmensa, ein großer Hörsaal mit 800 Plätzen, den es bisher am Standort nicht gab sowie moderne Rechnerpools. Flächendefizite für Lehre und Forschung der Fakultäten Wirtschaftswissenschaften, Mathematik und Informatik werden abgebaut. Neben den Fakultäten Wirtschaftswissenschaften, Mathematik und Informatik werden Philologen Soziologen, Philosophen und Juristen die modernen Lehrflächen nutzen. Die Kosten für das gesamte Vorhaben werden sich voraussichtlich auf rund 120 Millionen € belaufen.
Grundlage und Rahmen für den Umbau und die Sanierung bildet der städtebauliche Entwurf des Architekturbüros Behet Bondzio Lin, das als Preisträger aus dem Wettbewerbsverfahren 2001 hervorging. Einen zweiten Wettbewerb gab es zum ehemaligen Standort Paulinerkirche zur Neubebauung mit einer Aula/Kirche, den das Büro Erick van Egeraat gewonnen hat.
Die Gesamtmaßnahme wird in fünf Bauabschnitte strukturiert, die sich um einen zentralen Innenhof gruppiert und über Passagen und Gassen mit dem Stadtorganismus verbunden wird.
1. Neubau Mensa 10/04 - 09/06
2. Sanierung Hörsaalgebäude 05/05 - 09/06
3. Neubau Institutsgebäude an der Grimmaischen Straße 01/07 - 06/08
4. Umgestaltung des Hauptgebäudes mit großem Hörsaal und Aula 01/07 - 09/09
5. Erweiterung und Umbau des Seminargebäudes 01/08 - 09/09
Die Neugestaltung umfasst einerseits die Integration bestehender Bauten, wie Teile des Hauptgebäudes, des Seminargebäudes und des Hörsaalkomplexes und andererseits - mit der städtebaulichen Neuordnung am Augustusplatz im Bereich der Moritzbastei und der Grimmaischen Straße - die Einbindung des Areals in das vorhandene innerstädtische Raumgefüge. Der Campus wird begrenzt durch die Grimmaische Straße im Norden, durch den Augustusplatz und das ehemalige Universitätshochhaus (jetzt City-Hochhaus) im Osten, durch die Moritzbastei und die Grünanlagen des Promenadenringes im Süden sowie im Westen durch die Universitätsstraße.
Nachfolgend ist kurz die geschichtliche und baugeschichtliche Entwicklung der Universität dargestellt:
– Gründung der Universität Leipzig im Jahr 1409 in Folge von Auseinandersetzungen an der Karl-Universität in Prag
– Herzog (späterer Kurfürst) Moritz schenkte im Jahr 1534 das Areal des ehemaligen Dominikaner-Klosters der Universität.
– Die früheren Klostergebäude wurden zum Mittelpunkt der Universität und beherbergten verschiedene Kollegien und die Universitätsbibliothek.
– Wichtigstes Bauwerk war die Paulinerkirche, die mit einer Predigt Martin Luthers im August 1545 als Universitätsaula eingeweiht wurde.
– Im Zuge einer umfassenden baulichen Umgestaltung in den Jahren 1830 –1834 entstand das Augusteum als repräsentatives Universitätshauptgebäude nach Plänen von Albert Geutebrück.
– Karl Friedrich Schinkel erstellte den Ausführungsentwurf für die klassizistische Fassade – das Portal bezeichnet als „Schinkelportal“ ist heute als einzige Erinnerung an dieses Gebäude erhalten.
– Gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts erfuhren die Universitätsgebäude und die Paulinerkirche eine nochmalige Neugestaltung nach den Plänen des Leipziger Architekten Arwed Roßbach.
– Im Zweiten Weltkrieg entstanden an dem baulichen Ensemble erhebliche Zerstörungen – die Universitätskirche aber blieb unversehrt.
– Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde ein Teil der zerstörten Gebäude notdürftig instand gesetzt und bis zum Jahr 1968 für universitäre Zwecke genutzt.
– Die Machthaber der SED wollten aus der altehrwürdigen Universität Leipzig eine den Idealen des Sozialismus verpflichtete Karl-Marx-Universität machen.
– Mit der Sprengung der Paulinerkirche am 30. Mai 1968 wurde die Universität Leipzig nicht nur ihrer kulturhistorisch gewachsenen Wurzeln beraubt. Der barbarische Akt einer bewussten Zerstörung wirkt bis heute.
– Nach der Sprengung aller übrigen Gebäude der Universität entstand an diesem Standort in den Jahren bis 1975 der heutige Gebäudekomplex nach Plänen von Hermann Henselmann Zu ihm gehören:
 das 142 m hohe Universitätshochhaus
 das sogenannte Hauptgebäude
 die Zentralmensa
 das Seminargebäude und
 das Hörsaalgebäude