»Das Gedenken gehört in unsere Mitte«

29.09.2026, 10:27 Uhr — Erstveröffentlichung (aktuell)

Stiftung Sächsische Gedenkstätten und Sächsische Landeszentrale für politische Bildung zum Heidenauer Stadtratsbeschluss

Der Beschluss des Heidenauer Stadtrates, künftig auf weitere Stolpersteine im öffentlichen Straßen- und Gehwegbereich zu verzichten, ist aus Sicht der Stiftung Sächsische Gedenkstätten (StSG) und der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung (SLpB) ein falsches Signal. Mit dem Verzicht auf diese anerkannte Form des dezentralen Gedenkens droht die Erinnerung an Menschen, die während des Nationalsozialismus verfolgt und ermordet wurden, aus dem Alltag der Stadt verdrängt zu werden. Gerade Stolpersteine machen die Biografien der Verfolgten an den Orten sichtbar, an denen diese Menschen gelebt und gewirkt haben. Geschichte begegnet den Menschen damit im öffentlichen Raum, im Alltag und im unmittelbaren lokalen Umfeld.

»Das Gedenken an die Opfer der NS-Herrschaft darf nicht aus unserem Alltag und unseren Innenstädten an entlegene Orte verbannt werden. Es gehört dorthin, wo die Menschen gelebt haben, die verfolgt, entrechtet, erniedrigt oder ermordet wurden: in unsere Mitte«, sagt Markus Piper, Geschäftsführer der StSG. Auch Roland Löffler, Direktor der SLpB, kritisiert die Entscheidung: »Ich halte die Entscheidung des Stadtrates in Heidenau für einen Fehler. Die Stolpersteine sind seit Jahrzehnten ein wichtiger Bestandteil der deutschen Erinnerungskultur. Der Künstler Gunter Demnig wollte ja gerade, dass man vor den Häusern der verfolgten und ermordeten Juden über die Gedenksteine ‚stolpert‘, also: innehält und über die deutsche Geschichte 1933–45 nachdenkt.«

Die Diskussion darüber, ob es angemessen ist, Namen von Verfolgten in den Boden einzulassen und damit grundsätzlich auch über die Steine hinwegzugehen, ist nicht neu. Unterschiedliche Auffassungen dazu gehören zu einer pluralen Erinnerungskultur. Ein solches Argument kann jedoch keinen pauschalen Ausschluss von Stolpersteinen aus dem öffentlichen Raum rechtfertigen. Denn gerade ihre Einbettung in den Alltag ist kein Nebenaspekt, sondern Kern ihres erinnerungskulturellen Konzepts: Sie unterbrechen gewohnte Wege, machen Geschichte konkret und führen die Namen der Verfolgten an die Orte ihres früheren Lebens zurück.

Ein zentraler Gedenkort auf einem Friedhof kann eine sinnvolle Ergänzung des Erinnerns sein. Er ersetzt jedoch nicht die besondere Funktion dezentraler Erinnerungszeichen: an den konkreten früheren Lebens- und Wirkungsorten der Verfolgten präsent zu sein und den Menschen in ihrem Alltag zu begegnen. Erinnerungskultur lebt nicht von Entweder-oder-Entscheidungen, sondern von unterschiedlichen Formen, Orten und Zugängen. Ein Friedhof ist ein Ort des stillen Gedenkens; Stolpersteine sind Zeichen im Stadtraum. Beides kann sich ergänzen – das eine darf das andere nicht verdrängen. Roland Löffler: »Mit dem Stadtratsbeschluss der Verbannung der Erinnerung auf den Friedhof wird die Diskussion über die lokale Erinnerungskultur in Heidenau keineswegs beendet sein. Vielmehr muss sie jetzt erst richtig beginnen. Dem Versuch der Verdrängung sollte die Stadtgesellschaft nicht nachgeben.«

Stolpersteinprojekte verbinden wissenschaftliche Recherche, lokale Geschichte, bürgerschaftliches Engagement und öffentlich sichtbares Gedenken. Auch die Stiftung Sächsische Gedenkstätten und ihre Gedenkstätten haben in der Vergangenheit zahlreiche Stolpersteininitiativen unterstützt, etwa durch Recherchen, Auskünfte und die Aufarbeitung von Opferbiografien. Dieses Engagement sollte gewürdigt und ermöglicht, nicht erschwert werden. Andere Städte zeigen, dass auch bei kontroversen Debatten Wege gefunden werden können, Erinnerung im öffentlichen Raum sichtbar zu halten. In München wurden nach Einwänden gegen Stolpersteine alternative Formen wie Stelen und Gedenktafeln an früheren Wohnorten entwickelt. Entscheidend ist: Die Erinnerung blieb im Stadtraum präsent. Auch für Heidenau muss nun geprüft werden, wie sichtbares Gedenken weiterhin ermöglicht werden kann.

Die Sächsische Landeszentrale für politische Bildung und die Stiftung Sächsische Gedenkstätten bedauern den drohenden Verlust an erinnerungskultureller Vielfalt und Sichtbarkeit in Heidenau ausdrücklich. Die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Verfolgungsgeschichte darf nicht aus dem öffentlichen Raum verschwinden. Das Gedenken gehört in die Mitte der Gesellschaft – und damit auch in die Mitte unserer Städte.

Pressekontakt:
Thomas Platz (SLpB), 0351 85318 21, thomas.platz@slpb.sachsen.de
Anton Zuschke (SLpB), 0351 85318 30, anton.zuschke@slpb.sachsen.de
Sven Riesel (STSG), 0351 46955 45, sven.riesel@stsg.de

Über die Landeszentrale:
Die Sächsische Landeszentrale für politische Bildung fördert politische Bildung und demokratisches Engagement im Freistaat Sachsen. Mit Vorträgen, Diskussionen und Publikationen schafft sie Räume für Information, Austausch und kontroverse Debatten zu aktuellen gesellschaftlichen und politischen Themen.

Über die Gedenkstätten-Stiftung:
Die Stiftung Sächsische Gedenkstätten erinnert an die Opfer der nationalsozialistischen Diktatur und der kommunistischen Diktatur in der sowjetischen Besatzungszone und der DDR. Sie erschließt und bewahrt historische Orte politischer Gewaltverbrechen und politischen Unrechts im Freistaat Sachsen und gestaltet sie als Orte historisch-politischer Bildung.


Kontakt

Sächsische Landeszentrale für politische Bildung

Pressesprecher Thomas Platz
Telefon: +49 351 85318 21
E-Mail: thomas.platz@slpb.sachsen.de
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