SLUB Dresden und Zentral- und Landesbibliothek Berlin restituieren NS-Raubgut an Nachfahren von Julius Hellmann
30.10.2026, 10:47 Uhr — Erstveröffentlichung (aktuell)
Die Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek (SLUB Dresden) und die Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB) haben 43 Bücher und sieben lose Exlibris an Nachfahren des Bankiers und Generalkonsuls Julius Hellmann übergeben. Die Bücher gelangten durch NS-Raub in den Besitz der Berliner Stadtbibliothek und der SLUB Dresden. Im Rahmen der Provenienzforschung konnten sie anhand der enthaltenen Exlibris ihrem ursprünglichen Eigentümer zugeordnet werden.
Julius Hellmanns Urenkelin reiste nach Berlin, um das Forschungsteam zu treffen und die Bücher ihres Urgroßvaters kennenzulernen: «We were overwhelmed by the dedication, commitment and kindness of the research team. They have restored a part of our family’s lost history. The books are now with us at our home in Israel and we will treasure them for what they stand for and the amazing journey they have made.”
Der 1877 in Freiburg im Breisgau geborene Julius Hellmann war als Bankier und Generalkonsul in Berlin tätig. Während des Nationalsozialismus wurde er als jüdisch verfolgt, floh zunächst nach Südafrika und 1938 in die Niederlande, wo er ab 1942 von der Widerstandsbewegung an verschiedenen Orten in Amsterdam und Amstelveen versteckt wurde und im Untergrund die Shoa überlebte. 1948 wanderte Hellmann in die USA aus und verstarb 1956 in New York.
Julius Hellmann besaß eine umfangreiche Bibliothek und kennzeichnete seine Bücher mit einem ausgestalteten Exlibris, was den Provenienzforschenden von ZLB und SLUB die eindeutige Zuordnung seiner Bücher ermöglichte. Wann genau seine Bibliothek enteignet wurde, ist nach derzeitigem Forschungsstand ungeklärt. Dokumentiert ist, dass die Einrichtung seiner Wohnung zu Beginn des Jahres 1936 zwangsversteigert wurde. In der Liste der Versteigerungsobjekte werden jedoch weder eine Bibliothek noch Bücher erwähnt. Der Verdacht des NS-verfolgungsbedingten Entzugs der Hellmannschen Bibliothek erhärtete sich aufgrund eines Ankaufs der Berliner Stadtbibliothek, heute Teil der ZLB, aus dem Jahr 1951. Damals erwarb sie 1.028 Titel vom Berliner Magistrat (Abteilung Finanzen) sowie von der Verwaltungsstelle für Sondervermögen, die beide nach 1945 auch mit der Abwicklung von Reichs- und Staatsvermögen, NS-Vermögen und anderem beschlagnahmten Vermögen betraut waren. Die Berliner Stadtbibliothek verzeichnete die erworbenen Bände in ihrem Zugangsbuch als »eine beschlagnahmte Bibliothek«. Die Bücher dieses Konvolutes tragen Besitzspuren verschiedener Personen, u.a. von Julius Hellmann.
Fund der Bücher in der SLUB Dresden
In der SLUB Dresden konnten Provenienzforscherinnen anhand des Exlibris von Julius Hellmann insgesamt sechs Bücher identifizieren. Die Sächsische Landesbibliothek, eine Vorgängerinstitution der heutigen SLUB Dresden, kaufte einen Teil der Bücher 1972 beim Norddeutschen Antiquariat an, weitere erhielt sie von der Zentralstelle für wissenschaftliche Altbestände, die in der Forschung als Verteilereinrichtung von NS-Raubgut nach 1945 bekannt ist.
Zwei der Bücher tragen einen Aussonderungsstempel der Stadtbibliothek Berlin. Deshalb liegt nahe, dass sie Bestandteil des Ankaufs der Berliner Stadtbibliothek 1951 waren, unter dem sich auch während der NS-Zeit beschlagnahmte Bücher befanden.
Katrin Stump, Generaldirektorin der SLUB Dresden, betont: »Wir freuen uns sehr, dass wir die Bücher aus dem Eigentum von Julius Hellmann nun an seine Nachfahren restituieren konnten, denn im Fall von erwiesenem NS-Raubgut betrachten wir uns nicht als Eigentümer und bemühen uns um eine Rückgabe bzw. um gerechte und faire Lösungen im Sinne der Washingtoner Erklärung von 1998. Wir danken dem Deutschen Zentrum Kulturgutverluste, das die Ermittlung von Erbberechtigten in 300 noch offenen NS-Raubgut-Fällen an der SLUB unterstützt.«
Fund der Bücher und der losen Exlibris in der ZLB Berlin
Die im Bestand der ZLB ermittelten Bücher von Julius Hellmann stammen zum größten Teil aus einem Ankauf der Berliner Stadtbibliothek (BStB) von 1951, im Zugangsbuch subsumiert als »Eine beschlagnahmte Bibliothek«, geliefert von der Verwaltungsstelle für Sondervermögen des Magistrats von Berlin. Weitere Nachforschungen zu diesem Zugang sind aktuell in Planung. Die BStB hat bis in das Jahr 1953 Hunderte weitere Bücher von diesem Lieferanten eingearbeitet, die auf ihre Provenienz hin überprüft werden. Ein Buch wurde über die Zentralstelle für wissenschaftliche Altbestände beschafft. Weitere Bände fanden sich in unbearbeiteten Depotbeständen. Die losen Exlibris stammen aus der Exlibris-Sammlung der BStB.
Jonas Fansa, Direktor der ZLB Berlin, betont: »88 Jahre nach der Flucht Julius Hellmanns in die Niederlande befinden sich die Bücher nun da, wo sie rechtmäßig hingehören – in den Händen seiner Nachfahren. Dies war vor allem dank der Unterstützung bei der Ermittlung der Nachfahren durch Mitarbeitende der Cultural Heritage Agency of the Netherlands und des Holocaust Claims Processing Office möglich.«
Annelies Kool, Cultural Heritage Agency of the Netherlands, sagt: «I am glad to have been able to add a small piece to the provenance puzzle of these books, contributing to their return to the rightful owner. This case shows how important the exchange of information and expertise across borders can be in uncovering provenance and making restitution possible.”
Kaitlin Asrow, New York State Department of Financial Services, ergänzt: «The Department is committed to helping survivors and their families recover property lost to Nazi persecution. The return of these books and book plates was made possible through the collaborative work across international partners. We appreciate the long-standing partnership of governments, cultural institutions, nonprofits, and others to help recover these lost assets and legacies.”