SLUB Dresden und Stadtbibliothek Burgstädt restituieren Bücher aus der Gewerkschaftsbibliothek des Deutschen Metallarbeiter-Verbandes an die IG Metall Chemnitz

18.05.2026, 16:10 Uhr — Erstveröffentlichung (aktuell)

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Stempel mit Beschriftung „Deutscher Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Chemnitz“ (© SLUB/Deutsche Fotothek, slub_prov_0016112)

Stempel mit Beschriftung „Deutscher Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Chemnitz“ (© SLUB/Deutsche Fotothek, slub_prov_0016112)

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Lydia Oeser, Eddi Kruppa und Elisabeth Geldmacher gemeinsam mit den restituierten Büchern (© IG Metall)

Lydia Oeser, Eddi Kruppa und Elisabeth Geldmacher gemeinsam mit den restituierten Büchern (© IG Metall)

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Eines der restituierten Bücher mit enthaltenem Stempel, der die Identifikation als NS-Raubgut möglich machte. (© IG Metall)

Eines der restituierten Bücher mit enthaltenem Stempel, der die Identifikation als NS-Raubgut möglich machte. (© IG Metall)

Der Sturm auf die Gewerkschaftshäuser in ganz Deutschland am 2. Mai 1933 gehört zu den dunkelsten Tagen für Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter. Gewerkschaften wurden durch die Nationalsozialisten verboten, ihre Mitglieder verfolgt, inhaftiert, ermordet und ihr Eigentum und ihre Immobilien beschlagnahmt, zerstört, verwertet. Nach der Enteignung gingen Bestände aus Gewerkschaftsbibliotheken in den Besitz der Deutschen Arbeitsfront, der nationalsozialistischen Einheitsgewerkschaft, über.

Am 18. Mai 2026 haben die Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) und die Stadtbibliothek Burgstädt drei Bücher an die IG Metall in Chemnitz restituiert. Die Bücher wurden dem damaligen Metallarbeiter-Verband Chemnitz (DMV) in der NS-Zeit verfolgungsbedingt geraubt und konnten aufgrund der enthaltenen Stempel zugeordnet werden. Die IG Metall als Rechtsnachfolgerin überlässt sie den beiden Bibliotheken wiederum als Schenkung.

Katrin Stump, Generaldirektorin der SLUB Dresden, erläutert: »Im Fall von erwiesenem NS-Raubgut bemühen wir uns um eine Rückgabe bzw. um gerechte und faire Lösungen im Sinne der Washingtoner Erklärung von 1998. Erfolgreiche Restitutionen wie diese zeigen, wie wichtig systematische Provenienzforschung auch 81 Jahre nach dem Ende der NS-Diktatur ist – in Landesbibliotheken wie der SLUB ebenso wie in sächsischen Stadt- und Regionalbibliotheken mit Altbestand. Der IG Metall Chemnitz danken wir für die Schenkung und das damit verbundene Vertrauen.«

Lydia Oeser, Leiterin der Stadtbibliothek Burgstädt, betont: »Für uns als kleine Stadtbibliothek im ländlichen Raum ist es bedeutsam, dass wir das als NS-Raubgut identifizierte Buch des DMV Chemnitz restituieren konnten. Ohne die Unterstützung durch die ehemalige Koordinierungsstelle Provenienzforschung an der Sächsischen Landesfachstelle für Bibliotheken wären für uns weder die Erschließung des Altbestandes, die Recherchen zu verfolgten Voreigentümern noch die Restitutionsvorbereitung möglich gewesen. Durch einen Vermerk im Online-Katalog und einen Einleger im geschenkten Buch werden wir vor Ort in Burgstädt an den Deutschen Metallarbeiter-Verband Chemnitz und sein Schicksal erinnern.«

»Wir freuen uns über den Fund der drei Bücher, die 1933 von den Nazis aus der Gewerkschaftsbibliothek geraubt wurden«; so Eddie Kruppa, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Chemnitz. »Und wir überlassen sie gerne den Bibliotheken, denn dort sind sie in guten Händen und stehen der Wissenschaft und der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung.«

Fund der Bücher in der SLUB Dresden

Im Bestand der Sächsischen Landesbibliothek, einer der beiden Vorgängereinrichtungen der SLUB Dresden, konnten zwei Bücher mit einem Stempel der Verwaltungsstelle Chemnitz des DMV identifiziert werden. Eines gelangte am 22. Juni 1961 als Geschenk von der Zentralstelle für wissenschaftliche Altbestände in die Bibliothek. Das zweite erwarb die SLUB am 21. Oktober 1977 beim Zentralantiquariat Leipzig. Aufgrund der Historie der Zerstreuung der Gewerkschaftsbibliotheken seit 1933 legen die ebenfalls in den Büchern enthaltenen Besitzspuren der Deutschen Arbeitsfront und des Parteiarchivs der NSDAP sowie der Zentralbibliothek des FDGB nahe, dass die Bücher dem DMV Chemnitz verfolgungsbedingt während der NS-Zeit entzogen worden waren. Deswegen sind beide Bände als NS-Raubgut zu bewerten.

Die Recherche zur Herkunft der Bücher aus dem Bestand der Sächsischen Landesbibliothek, die nach 1945 zugegangen sind, erfolgte im Rahmen eines bereits abgeschlossenen Provenienzforschungsprojektes. In einem aktuellen Projekt, das sich der Ermittlung von Erbberechtigten zu 300 NS-Raubgut-Fällen widmet, konnte die IG Metall Chemnitz als Rechtsnachfolgerin des DMV Chemnitz identifiziert und die Restitutionsbemühungen aufgenommen werden. Beide Forschungsprojekte wurden bzw. werden von der Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste gefördert.

Fund des Buches in der Stadtbibliothek Burgstädt

Seit ihrer Gründung 1876 erhielt die Bibliothek Burgstädt Schenkungen von Büchern und Archivalien durch Bürgerinnen und Bürger der Stadt. Über die Jahre wuchs so ein großer historischer und regionalkundlicher Bestand. 2023 wurde der historische Altbestand erschlossen, wobei 640 historische Bücher der Stadtbibliothek händisch geprüft und etwa 260 Besitzspuren von Voreigentümerinnen und Voreigentümern dokumentiert worden sind. Ermöglicht wurde das Erschließungsprojekt durch eine Kooperation zwischen der Stadtbibliothek Burgstädt, der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig und der ehemaligen Koordinierungsstelle Provenienzforschung der Sächsischen Landesfachstelle für Bibliotheken an der SLUB Dresden, die bis 2025 öffentliche Bibliotheken im Freistaat bei der Provenienzforschung unterstützte.

Einer der identifizierten Vorbesitzer des Buches ist der DMV Chemnitz, was sich durch Besitzvermerke und die erforschte Geschichte der Gewerkschaftsbibliotheken rekonstruieren ließ. Wie vermutlich der Großteil der beschlagnahmten Gewerkschaftsbibliotheken gelangte das Buch nach Berlin in die Bibliothek der Deutschen Arbeitsfront (DAF). Nach 1945 wurde die DAF-Bibliothek in den Bestand des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) übernommen, wie weitere Stempel im Buch belegen. In den Jahrzehnten danach sonderte der FDGB das Buch aus und gab es an den antiquarischen Buchhandel ab, wo es der Burgstädter Manfred Delling erwarb. Durch die Schenkung seines Nachlasses gelangte das Buch 2007 schließlich in den Bestand der Stadtbibliothek Burgstädt.

Hintergrund: Der Deutsche Metallarbeiter-Verband (DMV) Chemnitz und seine Bibliothek

Der Deutsche Metallarbeiter-Verband (DMV) war ein freigewerkschaftlicher Verband der Metallarbeiter, der auf dem Metallarbeiterkongress in Frankfurt am Main zum 1. August 1891 gegründet wurde. Nachdem es in Sachsen ab 1908 erlaubt war, Verwaltungsstellen des DMV aufzubauen, entstand die Niederlassung im Industriestandort Chemnitz, einem bedeutenden Zentrum der Arbeiterbewegung.

Am 2. Mai 1933 stürmten SA-Kommandos vielerorts Gewerkschaftshäuser, plünderten und verwüsteten Gebäude. Auch wenn das Chemnitzer Gewerkschaftshaus, in dem auch der DMV seinen Sitz hatte, nicht gestürmt wurde, zog dort bis Kriegsende 1945 die Deutsche Arbeitsfront Chemnitz – der Einheitsverband der Nationalsozialisten – ein. Nach der damit einhergehenden Enteignung des DMV gingen die Bibliotheksbestände in den Besitz der Deutschen Arbeitsfront über. Aufgrund des verfolgungsbedingten Entzugs während der NS-Zeit sind Bücher mit Eigentumsvermerken des DMV Chemnitz als NS-Raubgut zu bewerten.


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