Zur prekären Lage der staatlichen Bodendenkmalpflege in Deutschland
15.05.2026, 10:31 Uhr — Erstveröffentlichung (aktuell)
Statement des Verbandes der Landesarchäologien
Vom 03. bis 06. Mai 2026 kam der Verband der Landesarchäologien in der Bundesrepublik
Deutschland e. V. zu seiner turnusmäßigen Jahrestagung zusammen. Veranstaltungsort war in diesem Jahr Wörlitz in Sachsen-Anhalt. Ziel des Verbandes ist es insbesondere, den
Informationsaustausch der archäologischen Fachbehörden der deutschen Bundesländer
untereinander zu ermöglichen sowie eine Plattform für die Diskussion aktueller Fragen und
Problemstellungen der archäologischen Denkmalpflege zu bieten.
Die Denkmalpflege ist eine hoheitliche Aufgabe der Länder, in einigen ist sie sogar in der
Verfassung verankert. Obgleich die Gesetze und Zuständigkeiten sich von Bundesland zu
Bundesland unterscheiden, bietet sich momentan länderübergreifend ein besorgniserregendes Bild. Lang etablierte und gut funktionierende Strukturen der Bodendenkmalpflege stehen zunehmend unter politischem Druck, der überwiegend mit Sparzwängen und der Notwendigkeit zum Bürokratieabbau begründet wird. Besonders kritisch zu sehen ist auch die Beobachtung, dass die in vielen Bundesländern bewährte Anbindung von archäologischen Landesmuseen an die Landesarchäologien infrage gestellt wird.
Diesen Entwicklungen und der ihnen zugrundeliegenden geringen Wertschätzung von
Forschung und Denkmalpflege tritt der Verband entschieden entgegen. Das Interesse der
Öffentlichkeit an Archäologie und den Spuren der Vergangenheit ist in Deutschland konstant hoch. 88 % der Bevölkerung schätzen sie in Umfragen als wichtig bis sehr wichtig ein.
Archäologische Funde, Bodendenkmale und Museen sind zentrale Bezugspunkte regionaler Identitätsbildung. Es existiert eine Fülle einschlägiger Zeitschriften, Bücher und Filme zu archäologischen Themen. Archäologische Ausstellungen stellen regelmäßig Besucherrekorde auf. Das archäologische Ehrenamt boomt, tausende Menschen unterstützen deutschlandweit in ihrer Freizeit die amtliche Archäologie. Archäologie ist »in«. Gleichzeitig sind archäologische Denkmale und Museen als touristische Attraktionen ein erheblicher Wirtschaftsfaktor.
Zu diesem öffentlichen Interesse stehen schwindende staatliche Finanzierung und Aushebelung von Denkmalschutzgesetzen in starkem Kontrast.
Doch die staatlich betriebene archäologische Denkmalpflege leistet noch viel mehr. Die
Landesarchäologien sind im Rahmen ihres gesetzlichen Auftrags nicht nur der Bewahrung von Denkmalen und der Dokumentation bei Erdarbeiten unwiederbringlich zerstörten Kulturguts verpflichtet und leisten insbesondere bei Großbauvorhaben einen wirtschaftsrelevanten Beitrag zur Planungssicherheit. Ihre Aufgaben umfassen auch die Forschung, die Schaffung, Bewahrung und Verbreitung von Wissen über die menschliche Vergangenheit. Mit den dokumentierten und geborgenen Relikten früherer Zeiten liefern sie die Grundlagen für Forschung, die wesentliche Fragen der Menschheitsgeschichte beantworten hilft. Wissen um die Geschichte, um Ereignisse und Entwicklungen, Ursachen und Konsequenzen menschlichen Handelns in vergangenen Epochen ist grundlegend für informiertes Handeln in der Gegenwart. Archäologie hilft zu verstehen, woher moderne Menschen kommen, indem sie die kulturelle Entwicklung nachzeichnet. Für 99 % der Menschheitsgeschichte liegen keine anderen Quellen als archäologische vor. Die Archäologie kann etwa zeigen, wie frühere Gesellschaften auf Krisen reagiert haben, wie sie Konflikte gelöst haben oder daran gescheitert sind, wie sie mit sich wandelnden Umweltbedingungen umgegangen sind.
Der Verband der Landesarchäologien in der Bundesrepublik Deutschland setzt sich dafür ein und ruft die politischen Entscheidungsträger dazu auf, den gesellschaftlichen Wert der
Archäologie zu erkennen und zu würdigen sowie das starke öffentliche Interesse
wahrzunehmen, das ihr entgegengebracht wird. Die Zerschlagung funktionierender Strukturen unter der Maßgabe potentiellen Einsparpotenzials oder Bürokratieabbaus gefährdet den Schutz von Bodendenkmalen sowie die bislang exzellente deutsche Forschung, aber auch und nicht zuletzt die Archäologie als Wirtschaftsfaktor.
13. Mai 2026, Verband der Landesarchäologien in der Bundesrepublik Deutschland e. V.
Quellenangabe zur Statistik:
Siegmund, F., Savvidou, K., Berghäuser, S.-E., Backhaus, I. M., Heddier, R. R., Müller, T. A., Richter, D. & Valder, K. Sc. (2017). Das Interesse der Bürger in Deutschland an Archäologie und Antike. Archäologische Informationen 40, 2017, 229-248.